Rede zur Ausstellungseröffnung „Bilder und Objekte“ von Markus Wahle im Kunsthaus Knapstein am 26. November 1999
Um gute Kunst zu entdecken, muss man nicht immer weit reisen., stellte ich begeistert fest, als ich die Arbeiten von Markus Wahle in seinem Atelier ansah. Bestätigt sich hier doch meine Überzeugung, dass Kunstschaffen überall stattfindet, und weder an eine gern suggerierte Metropolenpräsenz gebunden ist, noch hypothetisch als provinzielle Hobbykunst abgewertet werden darf. Einem Vorwurf, dem sich Künstler der ländlichen Regionen oft gegenübersehen und ihnen den Weg in die öffentliche Kunstdiskussion erheblich erschwert, besonders wenn der Künstler kein Hochschulstudium nachweisen kann. Markus Wahle befindet sich da übrigens in bester Gesellschaft namhafter Künstler wie z.B. Vincent van Gogh.
Der Sunderner Künstler Markus Wahle nimmt also keine kunstbezogene Ausbildung für sich in Anspruch, folgt aber dem inneren Drang eines Künstlers sich mitteilen zu wollen.
Das auf seine eigene, unverwechselbare Art, indem er seine eigene Bildsprache entwickelt. Eine Bildsprache, in die er seine ganze Persönlichkeit einbringt. Seine Bildsprache, die letztlich immer Ausdruck für die untrennbare, sinnliche und intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Wahrnehmung oder Gegebenheit bedeutet.
So ist es nicht verwunderlich, dass sich Markus Wahle über seine langjährige Befasstheit mit der Malerei immer mehr von der naturalistischen Abbildung entfernt hat. Die Natur ist beständig um uns, ist sichtbar, ist greifbar. Können wir uns nicht persönlich global bewegen, surfen wir im Internet, oder es gibt immer ein digitales Auge, welches die Welt nahebringt. Eine naturalistische Abbildung ist also nicht mehr notwendig, für den Künstler fast nicht mehr möglich, da sie für ihn keine wirkliche Herausforderung mehr darstellt.
Und dabei erstellt Markus Wahle eigentlich Landschaftsbilder. Reale Beobachtung in abstraktem Kontext. Ästhetisch reizvolle Kunstwerke, deren Strukturen er sensibel eine eigenständige Realität verleiht. Ein langer Arbeits- und Bearbeitungsprozess findet seinen Ursprung während seiner Reiseaufenthalte in Dänemark Jütland, Tessin oder Flandern. Eindrücke des Landes, des Meeres werden sehr schnell in zahlreichen Entwürfen festgehalten und später im Atelier unter Verendung der mitgebrachten Materialien verarbeitet.
Die Abstraktion entsteht bei dem Versuch Landschaft auf einen formalen Bildträger zu transportieren, ohne sie als illusionäres, dreidimensionales Gemälde darzustellen, sondern das Bild als Teil dieser Landschaft, die gleichsam organisches Leben bedeutet, zu begreifen. Die Dimensionen werden in Form gebracht., auf Farbflächen minimiert, leben aber durch Schichtungen wieder auf, erlangen ihren Charakter durch die mechanische Bearbeitung des Bemalens, Spachtelns. Oberflächen werden verletzt, Spuren entstehen, darunterliegende Schichten werden wieder sichtbar, machen die Landschaft durchsichtbar. Natureigenes Material, Sand wir aufgesiebt, vereint sich wieder mit dem Land dem er entstammt.
Es entstehen mehrteilige Kompositionen, wie die blaue Serie. Intensive Farben der Natur von Wasser und Land. Die starken Strukturen erinnern an Strömungen und festgehaltene Wellenbewegung. Das transparente und doch intensive Leuchten des Blaus resultiert aus der perfekten Folge des Auftrags von Acrylfarbe, die mit Sand bestreut, und mit Pastellkreide verwischt wird.
Manchmal durchbricht Markus Wahle seine Abstraktion und verleiht seinen Bildern ganz offen eine bestimmte Symbolik, wie in den türkisfarbenen Arbeiten auf Leinwand. Kreuz und Fisch als eindeutig religiöse Symbole verheißen Leben und ewiges Leben. Gleichzeitig nimmt der Fisch wieder Bezug zum Meer auf, welches im türkisen Licht leuchtet.
Symbolik liegt für den Künstler auch in dem Bild ohne Titel dort. Symbolisch führt es zwei Kulturen zusammen, indem die blaugrünen Flächen rechts und links mit Sand aus Dänemark bestreut sind, und die Zentrale mit einer granithaltigen Körnung, die aus dem Vercascatal Tessins stammt. Vertikal stehen die Länder nebeneinander, begegnen sich aber durch die horizontale formale Durchdringung.
Diese Symbolik erfahren die Betrachter*innen nicht, wenn sie nur das Bild ohne die Erläuterung des Künstlers sehen. Das ist aber auch nicht notwendig. Denn das Auge des Menschen ist darauf geschult, Dinge die es sieht, sofort zuordnen zu wollen. Die Betrachter*innen werden also gemäß ihrer eigenen Betrachtungsweise Assoziationen zu den Bildinhalten entwickeln und zu eigenen Beurteilungen finden.
Wenden wir uns den Holzobjekten zu, die in den letzten 5 Jahren entstanden sind. Ein Schritt über die objektorientierte Malerei hinaus. Die bildhafte Fläche genügt nicht mehr ausschließlich. Zusätzliches Material erzeugt realen Raum. Es werden ausschließlich Fundstücke wie Treibholz verwendet. Kennzeichnend für diese Arbeiten ist, dass kein gesammeltes Holz in seiner Form manuell verändert oder bemalt wird.
Jedes Stück bewahrt seine eigene Geschichte. Ein zusammengefügtes Objekt ist also eine Vielzahl verschiedener, geheimnisvoller Geschichten. Schon das Sammeln erfolgt selektiv. Ausgewaschene Stücke, an denen kein Handwerk mehr zu erkennen ist, und die ehemalige Verwendung nicht mehr eindeutig zuzuordnen ist. Sammeln heißt schon: In Reliefs oder Skulpturen denken, keinen Ausschuss zu produzieren.
Während Markus Wahle seine Bilder genau durchplant, Entwürfe zeichnet, die Arbeiten zwischenzeitlich weglegt, sie wieder anschaut, dann verändert, wieder weglegt und wieder bearbeitet, bis sie schließlich für ihn abgeschlossen sind, so nötigt es ihn die Hölzer ohne Verzug zu verarbeiteten.
Er fertigt keine Skizzen, gibt sich selbst lediglich eine Formatvorgabe, und fügt die Hölzer in einem Arbeitsgang zu lichtdurchlässigen Objekten zusammen. Zu Reliefs und Skulpturen, die in ihrer vertikal und horizontal geprägten Ordnung letztlich seine Bildsprache widerspiegeln. Ein Bildsprache, die in ihrer ästhetischen Ausführung den Künstler Markus Wahle als Perfektionisten hervorhebt.
Anne Knapstein
© Anne Knapstein, November 1999