Rede zur Ausstellung „Materialkunde“ Markus Wahle im Kunstverein Sundern Sauerland e.V. am 3. Dezember 2023
Heute freue ich mich, dass ich Sie in die Kunst von Markus Wahle begleiten darf. Das ich sehr gerne tue, und nicht zum ersten Mal, denn die Kunst von Markus begeistert mich nunmehr seit 23 Jahren. Wie schön, dachte ich, dann schaust du dir mal die Texte, an die du schon zu Markus‘ Kunst verfasst hast, fügst sie neu zusammen, und schon bist du gut aufgestellt. Das funktioniert natürlich so nicht. Und gut, dass es so nicht funktioniert. Denn das hieße ja, in der Kunst von Markus Wahle gibt es keine Veränderung, keine neuen Materialien, keine neuen Inhalte. Das wäre dann genau der Punkt, an dem tatsächlich auch viele Künstler*innen scheitern. Der Punkt, an dem in der Kunst nichts mehr bewegt wird, weder formal noch konzeptuell.
Natürlich bleibt die Handschrift des Künstlers seine Handschrift. D.h. es gibt unveränderliche Merkmale, die sich in der Kunst des Künstlers immer wieder finden. Ästhetik und akribische Ordnung, bei dem das eine das andere bedingt, finden sich seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit immer wieder. Das entspricht ganz einfach seinem Empfinden. Da sind tatsächlich Privatperson und Künstler eine Einheit. Die oft gestellte Frage, ob Kunst und Künstler generell unabhängig voneinander zu betrachten seien, stellt sich zumindest in Betrachtung dieser Kunst-Vita nicht.
Was auch bleibt, ist die Farbpalette in der sich Markus Wahle bewegt. In ersten Gesprächen vor 23 Jahren erzählte er mir, dass er mit der Farbe Rot nicht arbeiten könne. Und tatsächlich sehen wir heute in über40 ausgestellten Arbeiten nicht eine, in der die Farbe Rot einen Schwerpunkt in der Farbigkeit setzen würde.
Nach wie vor sind es auch nicht die Mammutformate, die Wahle zu interessieren scheinen. Und so sehr die großen Formate gerade in der Malerei beeindrucken, so sehr beeindrucken die kleinen bis mittelgroßen hier präsentierten Objekte.
Markus Wahle ist Grafiker und vor allem Objektkünstler, Auch das ist nicht neu, aber es ist seit spätestens 2020 eine grundlegende Tendenz im Wandel der Inhalte seiner abstrakten Arbeiten zu erkennen. Hier fällt der Begriff abstrakt übrigens zum ersten Mal, obwohl die Abstraktion Wahles Arbeit seit jeher bestimmt.
Aber worin liegt der Wandel seiner künstlerischen Arbeit? Es sind immer noch abstrakte Objekte, und wir haben eben festgestellt, dass sie immer noch dieselbe Handschrift tragen. Was also unterscheidet die hier gezeigte Kunst von älteren Werken?
Um das zu erläutern, ist ein kleiner Abstecher in die Kunsttheorie notwendig.
Ursprünglich diente die Abstraktion unter anderem dazu, vorgegebene Motive vereinfacht darzustellen, die Wiedergabe auf das notwendigste zu reduzieren. Z.B. werden aus einer Rosenblüte ein Kreis und aus dem Stängel ein Rechteck. Das ist nachvollziehbar. Für den Künstler zeigen diese geometrischen Formen nach wie vor eine Blume. Die Betrachter*innen haben aber ohne Information, durch z.B. einen Bildtitel, keinen Bezug mehr zu einer Blume. Sie sehen nur Rechteck und Kreis. Markus Wahle hat Landschaft, hat Meer abstrahiert, unter
Einflussnahme seiner ganz eigenen Ästhetik und perfektem Handwerk. Seine Ästhetik spiegelt seine Vorstellung von dem was Natur, was Wahrheit, und was schön ist. Er war also eigentlich ein Landschaftsmaler, dem die abbildende Malerei nicht genügte.
Der Wandel ist der, dass seine Abstraktion zunehmend konstruktiver geworden ist. Er zeigt keine Landschaften oder Gegenstände mehr. Die Abstraktion wird mathematischer und rationaler. Er konstruiert eigentlich nur noch die ästhetische Vorstellung eines realen Inhalts, die nur noch sich selbst genügen muss. Das ist theoretisch schwer zu vermitteln, wird aber anhand eines praktischen Beispiels sehr viel einsichtiger.
Die Arbeit Vielfalt, eine von nur 2 Arbeiten, denen Wahle einen Titel gegeben hat, ist eine 100x70cm große Platte mit 176 Nägelchen. Sie sind geometrisch in gleichen Abständen angeordnet. Horizontal 11 Nägelchen, vertikal 16 Reihen mit je 11 Nägelchen. Jedes einzelne ist mit jeweils einer Büroklammer bestückt. Alle Büroklammern hängen ganz fragil und frei am Ende der Nägelchen, und sie bilden farbliche mathematische Reihen: horizontal, vertikal und diagonal. Das ist eine strenge geometrisch/mathematische Konstruktion.
Da wir uns aber genauso streng in der freien Kunst bewegen, ist für jeden von uns viel Raum für eigene Assoziationen und Schlüsse gelassen, gewährt vielleicht sogar Einblick in konkrete Situationen des Künstlers, ausgelöst eben auch durch den Titel.
Oder es ist eine ganz konkrete, konstruktive Arbeit, deren Ästhetik eben nur sich selbst genügt. Soweit der Abstecher in die Kunsttheorie.
Hat Markus Wahle früher Fundstücke der Natur wie Steine, Sand und Holz verarbeitet, sind es heute Materialien aus industrieller Herstellung und des täglichen Gebrauchs. Streng genommen betreibt Markus Wahle eine Form von Upcycling.
Sein Augenmerk richtet sich jetzt auf industrielle Kulturlandschaften, die er damit intellektuell hinterfragt und Antworten in Form von Kunstwerken findet. Auf die Frage, warum er gerade dieses oder jenes Material verwendet, erfolgt unweigerlich die Antwort: Ich suche nicht, das Material findet mich. Das kann nur dann geschehen, wenn das Auge nicht nur ein Gesamtpanorama, ein Gesamtprodukt wahrnimmt, sondern es praktisch beobachtend skelettiert.
So ist ein Kalender eben nicht nur ein Kalender, sondern seine Spiralbindung aus Draht ist eine Linie mit einem für den Künstler unwiderstehlichen ästhetischen Reiz. Schräubchen, Gummibänder, Metallstifte, Papier, ein einzelner Druckknopf folgen nicht mehr ihren ursprünglichen Zwecken, sondern konstruieren eine neue Kunstwelt. Nach eigener Aussage ist Markus immer auf der Suche nach der einen perfekten Linie. Nun ist eine Linie nach dem Punkt die zweite grafische Möglichkeit sich zweidimensional auf einem Blatt zu bewegen. Maler schaffen durch Malerei die Illusion von Raum. Markus Wahle konstruiert von vornherein materiellen Raum, wobei sich jede Linie im Raum dreidimensional fortsetzt. Dabei schafft er es, auch dem noch so unscheinbaren, nicht auf Schönheit ausgelegtem Alltagsgegenstand einen unwiderstehlichen, ästhetischen Reiz zuzuordnen.
Im Atelier setzt er seine Ordnung fort.
Jedes kleinste Teilchen findet einen überschaubaren Platz, steht unter seiner ständigen Beobachtung und muss bisweilen doch mehrere Jahre warten, bis es praktischen Eingang in ein Kunstobjekt findet.
Überbordende, bunte Farben werden wir nicht finden. Da sind zwei kleine Objekte mit bunten Gummibändern schon ganz schön gewagt. Licht und Schatten schaffen hier Farbe, immer abgeleitet von der Farbigkeit des verwendeten Materials. Sie erzeugen Flächen und Raum, und schaffen wieder Linien, die sich wie in einer perfekt durchstrukturierten Architektur in jedem einzelnen Objekt wiederfinden.
Erstmalig ruft Markus Wahle den Betrachter zur Interaktion auf. D.h. die Betrachter*innen bleiben nicht länger betrachtend außen vor, sondern werden durch das Mitgestalten Teil der Kunst. Das eigene Form-/Farb-/Ästhetik-gefühl soll erkundet werden. Und dass mit der Absicht, soweit die Akteur*innen ihre Ergebnisse fotografieren und sie Markus Wahle digital versenden, wird er je ein Foto davon der Ausstellung hinzufügen und bei der Finissage mit ausstellen.
Last not least: Markus Wahle ist Autodidakt und damit in bester Gesellschaft mit Künstlergrößen wie z.B. Ernst Ludwig Kirchner oder Max Ernst. Er war nie Vertreter von zeitweiliger Freizeitkunst. Während seines gesamten Berufslebens hat er die Kunst nie aus dem Fokus verloren. Sie war und ist Bestandteil seines Lebens. Eben nicht als hobbyistische Beschäftigung während seiner Freizeit, sondern als handwerkliche Perfektion und Ausdruck seines Intellekts und der damit verbundenen gesellschaftlichen Einflussnahme. Und das beschreibt genau das Potential, das bei einem professionellen Künstler vorausgesetzt, und von ihm gefordert wird.
Anne Knapstein ©Dezember 2023